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Sichenhausen

Im Kreise der Schottener Stadtteile ist Sichenhausen eine Besonderheit, denn das eigentliche Dorf Sichenhausen gibt es nicht mehr. Es ist vor mehr als 450 Jahren untergegangen. Nur der Name lebt bis heute weiter, weil er für eine andere kleine Siedlung in der eigenen Gemarkung übernommen wurde. Im Jahre 1335 wird Sichenhausen zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sicher ist der Ort aber viel älter, es gibt nur keinen urkundlichen Beweis.

 

Die "hausen" - Orte sind chattische Siedlungen und in jedem Fall im 1. Jahrtausend n. Cr. gegründet worden. Der Doppelname Sichen- hausen wird bisher gedeutet als "Haus" eines "Sicho", der als Begründer der Siedlung seinen Namen gegeben hat. Die Endung "hausen" heißt mittelhochdeutsch eigentlich "zi den husen" d.h. zu den Häusern. Es fällt nicht schwer hieraus den ganzen Namen abzuleiten. Fest steht, dass Alt-Sichenhausen früher bestanden hat, als die umliegenden Orte mit den Endungen "hain" und "rod". Der Grund für diese frühe Ansiedlung in dieser Höhenlage des rauen, unwirtlichen Vogelsberges ist nur mit der Bedeutung seiner Lage zu erklären.

 

Eine uralte Fernstraße führte einst durch die Gemarkung und überquerte die Höhen des Vogelsberges. Diese "rechte Nidderstraße" soll der Weg gewesen sein, den der Leichenzug von Bonifatius im Sommer 754 von Mainz nach Fulda genommen hat.

 

Zur damaliger Zeit bestanden die Orte zunächst ohnehin nur aus Einzelgehöften oder Weilern. Alt Sichenhausen entwickelte sich in der Niddersenke zwischen Mühlberg und Rehberg. Der Ort lag im Schnittpunkt von zwei Herrschaftsbereichen. Auf einer Seite das Gebiet der Grafen von Ziegenhain/Nidda bzw. ihr Rechtsnachfolger der Landgraf von Hessen. Auf der anderen Seite die Herren von Breuberg und ihre Rechtsnachfolger die Trimberger, Eppsteiner und Stolberger. Beide Seiten machten ihre Besitzrechte an Sichenhausen geltend. Diese Rechte bestanden aus Pachtzahlungen in Form von Naturalien und Geld. Letztlich haben sich die beiden Herrschaften wohl dahingehend geeinigt, dass den "Ziegenhainern" 1/4 der Gemarkung zustand. Dies hatte später unter den Hessischen Landgrafen entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung von Sichenhausen. Die unklare Rechtslage jedoch blieb über 200 Jahre weiter bestehen und wurde erst im so genannten Sichenhäuser Vertrag am 28.08.1572 zwischen dem Landgrafen von Hessen und den Stolbergern endgültig geklärt. Dabei verzichteten die Stolberger auf alle Rechte an Sichenhausen, Eigilshain und Enckharz, gegen Zahlung einer Abfindung.

 

Von Beginn an bis in dieses Jahrhundert hat der Landbau und die Viehhaltung das Leben in den Dörfern geprägt. Die Entwicklung von Sichenhausen aber hing entscheidend mit der Eisenverhüttung zusammen. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Eisengewinnung im Vogelsberg nur von allein wirkenden Waldschmieden betrieben. Der Standort Sichenhausen war günstig. Die Rohstoffe Brauneisenstein und Wald zur Erzeugung der Holzkohle standen ausreichend zur Verfügung. Auch Wasser zum Antrieb der Hämmer und Blasebälge war ganzjährig vorhanden. So entwickelte sich im südlichen Teil der Gemarkung vom Sichenhausen ein Hüttenbetrieb auf genossenschaftlicher Basis. Enkarz wurde diese neue Siedlung genannt, wobei die Endung "arz" auf die Eisenproduktion hinweist. Die Arbeit war gefährlich und wurde vor allem durch Wassereinbrüche erschwert. Die Kommune Enkarz erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, für damalige Verhältnisse vielleicht vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg. Neue Verdienstmöglichkeiten wurden erschlossen. Es boten sich Alternativen zur Landwirtschaft an. Die Bürger genossen weitgehende Privilegien. So zahlten sie keinen Grundzins und waren von dem üblichen Frondienst und Kriegsdienst befreit.

 

Für Alt-Sichenhausen blieb die Entwicklung in Enkarz nicht ohne Folgen. Die junge Generation wurde vom besseren Leben in der "Industrie" angezogen. Der Wechsel nach Enkarz war nur ein kleiner Schritt. Aus Urkunden geht hervor, dass Bewohner von Alt-Sichenhausen in Enkarz ansässig wurden. Der Rest siedelte nach Breungeshain und Herchenhain. Gründe dafür waren, dass sie ihr Land von diesen Orten aus besser bewirtschaften konnten, auch verwandtschaftliche Beziehungen haben eine Rolle gespielt. 1555 wird Sichenhausen im Salbuch des Gerichtes Burkhards als wüst bezeichnet. Obwohl Sichenhausen 1555 nicht mehr bestand, blieb der Name neben dem Namen Enkarz weiter im Gebrauch. Das hing wohl auch mit dem wirtschaftlichen Niedergang des Hüttenbetriebs zusammen, der in erster Linie durch den Mangel an Eisenstein ausgelöst wurde. Hinzu kam der Preisverfall für Roheisen im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. So musste der Betrieb schließlich eingestellt werden. Mit dem "Erz" verschwand auch der von ihm abgeleitete Ortsname und Sichenhausen setzte sich im Sprachgebrauch wieder durch.

 

Die Landwirtschaft war nun wieder Haupterwerbsquelle. Doch in schlechten Jahren reichte es kaum zum Überleben. Hohe Niederschlagsmengen in den Sommermonaten führten oft zu Missernten. Aus der Landwirtschaft allein konnte der Lebensunterhalt nicht sichergestellt werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Damals wie heute war man auf den Nebenerwerb angewiesen. Hauptsächlich wurden diverse Gebrauchgegenstände aus Holz hergestellt. Diese Heimarbeit blieb aber ohne dauerhaften Erfolg, weil einfach der Absatz für die Erzeugnisse fehlte. Zum Teil betrieb man auch die Leinweberei. Einzig der Sichenhäuser "Schanzekorb" hatte seinen Markt und wurde noch bis vor dem 2. Weltkrieg in vielen Häusern gefertigt. Auch Herstellung und Vertrieb von Bilderrahmen, sowie von Kuchenblechen und Reibeisen brachte für einige Sichenhäuser eine Nebeneinnahme.

 

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts muss die Lage besonders prekär gewesen sein. Durch laufende Missernten waren die Leute in große Not geraten und konnten ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen. Deshalb kehrten viele dem Dorf den Rücken zu und suchten in der Ferne ihr Glück. Junge Männer gingen zeitweilig als Bergmänner in das Ruhrgebiet oder zum Militär. Andere gingen zur Landarbeit in die Wetterau. Viele sind jedoch nach Amerika ausgewandert. Anhand der Einwohnerzahlen lässt sich diese Entwicklung ablesen. Hatte Sichenhausen im Jahre 1840 noch 517 Einwohner so waren es in 1864 nur noch 368. In 24 Jahren war also ein Rückgang um fast 30% zu verzeichnen. Auch in der Folgezeit setzte sich dieser Trend fort. Innerhalb von 50 Jahren ist mit über 44% Bevölkerungsverlust fast eine Halbierung der Einwohnerschaft eingetreten. Bis zum 1. Weltkrieg blieb diese Zahl etwa konstant und lag 1909 bei 281 Einwohnern. Die Bevölkerungsentwicklung wurde zu allen Zeiten auch durch Kriegereignisse beeinflusst. Vor allem im 30-jährigen Krieg wurden die Dörfer im Vogelsberg stark in Mitleidenschaft gezogen. Im Jahre 1635 starben in Sichenhausen 87 Einwohner an der Pest und durch kriegerische Handlungen. Im 1. Weltkrieg kamen 10 Männer ums Leben, im 2. Weltkrieg sind 24 Männer aus Sichenhausen gefallen. Das Dorf selbst überstand beide Kriege ohne Schaden. Durch den Zuzug von Heimatvertriebenen nach Ende des 2. Weltkrieges erhöhte sich die Einwohnerzahl vorübergehend. Es siedelten sich jedoch nur 7 Familien dauerhaft an. Viele sahen dort keine Existenzgrundlage, da Verdienstmöglichkeiten fehlten.

 

Nach dem 2. Weltkrieg erlebte auch die Gemeinde Sichenhausen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser resultierte aus dem anfallendem Holzverkauf. Die Landwirtschaft einst Haupterwerbsquelle , hatte ihre Bedeutung verloren. Viele Bewohner gaben ihre Kleinbetrieb nun endgültig auf, andere wurden zu "Hobbybetrieben" und betreiben Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerb. Es gibt heute keine Familie mehr im Dorf, die nur von der Landwirtschaft lebt. Es entstand ein Landmaschinen- und Kfz-Betrieb, ein Sägewerk und ein Obst- und Gemüsehandel, die auch heute noch bestehen. Nur wenige können im Dorf eine Beschäftigung selbst finden. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt auswärts und pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsplatz. 1972 gehörte Sichenhausen 6 Monate zu der Großgemeinde Gedern. Sichenhausen war eine der wenigen Gemeinden, die mit einem beträchtlichen Guthaben aufweisen konnten. Durch die Änderung der Landkreise kam Sichenhausen zum Vogelsbergkreis und gehört zur Großgemeinde Schotten.

 

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